Laurens Straub
 Einheit von Ort und Filmutopie

Laurens Straub wurde 1944 in Doetinchem, Holland, geboren. Er starb am 19. April 2007 in Berlin.

1963 zog er nach München, wo er die Schauspielschule besuchte. Anschließend arbeitete er als Drehbuchautor, Dramaturg, Regisseur und Produzent.

Gemeinsam mit Rainer Werner Fassbinder, Wim Wenders, Volker Vogeler, Hark Bohm und vielen anderen gründete er 1970 den FILMVERLAG DER AUTOREN, dessen Geschäftsführung er 1972 für fünf ]ahre übernahm.

1979 gründete Laurens Sträub mit Christian Friedel und Michael Pakleppa den Filmverleih FILMWELT.
Mitte der 90er Jahre wurde Laurens Straub Teilhaber der NEXT FILM FILMPRODUKTION, die er 1999 vollständig übernahm.

Neben seiner Produzententätigkeit lehrt Laurens Straub seit 1986 an der Filmakademie Baden-Württemberg und an der Hochschule für Musik und darstellende Kunst in Wien.

 

Variable Konstante
»Fragt man nach der Bedeutung Hofs für den deutschen Film, so kann man nicht von einer Ästhetik oder Schule sprechen. Traditionell herrscht ein unabhängiger Geist, und die Retrospektiven sind die Königs-disziplin der independents. Die Filme sind unterhaltend und originell. Sie sind vergnüglich unangepaßt. Heinz wird nie ein komplett kompromiss-lerisches Programm machen, soviel steht fest. Eben darin besteht der Geist, der zweifellos auch ein Einfluß ist. Schon deswegen braucht niemandem bange zu sein wegen der Zukunft der wunderbaren, bravourösen Hofer Filmtage, die eine Institution sind durch sich selbst und nichts sonst.«
Laurens Straub

Es war vermutlich 1967. Wir fuhren zu dritt in einem alten, klapprigen Käfer, einem ehemaligen Streifenwagen, nach Hof, suchten uns ein Zimmer, in dem wir zu dritt schliefen, und sahen Filme, an denen wir zum Teil mitgearbeitet hatten, von Leuten, die drei bis fünf Jahre älter waren als wir. Ich war schon Requisiteur, Regieassistent, Drehbuchautor und Schauspieler und vermutlich 23 lahre alt. Es ging darum, Filme zu sehen von Leuten, die so waren wie man selbst und die dasselbe wollten. Obwohl sich das heute nach Herdentrieb anhört, hielten wir das damals für höchst individuell.

Wir übernachteten mit einem unvergeßlich hübschen Mädchen in einem Bett, genauso wie Leaud in einem Film von Truffaut. Vielleicht war das auch das Eigentliche. Aber etwas war geschehen. Nach Hause fuhren wir mit Kräften, von denen wir glaubten, wir könnten mit ihnen die Welt aushebeln. Überall war Aufbruch. »Was jetzt kommt, gehört uns und niemandem sonst.« Das glaubten wir damals.
Tuschi bei den Filmtagen 2004
Letztes Jahr fuhr Cyril (Tuschi) mit seinem Wohnwagen vor, um seinen Film HUNDESÖHNE zu zeigen. Seine Teammitglieder kamen per Mitfahrgelegenheit nach Hof. Auch sie glaubten, die Welt gehöre ihnen, zumindest für drei oder vier Tage. Einheit von Ort und Filmutopie. Traumnähe. Geistesverwandtschaft. Brüderlichkeit. Filmfamilie. Alles große Worte wie aus einem get-together-Marketingprogramm. Dennoch, die Idee, daß Film das Wichtigste auf der Welt ist, hat in Hof seine Gültigkeit behalten. Das Wichtigste ist, daß es unsere Filme gibt. Hier gilt das noch.
Wenn es um eine filmhistorisch korrekte Beschreibung geht, so liegt sie im Wandel der Zeiten: Konstanten und Variablen, sozusagen. Konstant ist die Haltung dem Film gegenüber, variabel die Qualität der Jahrgänge.

Laurens Straub und Albert Maysels
1967 ist die Zeit der Autodidakten, obwohl SAME PLAYER SHOOTS AGAIN von Wenders schon ein Hochschulfilm war, ebenso wie der legendäre BLUE VELVET. Heute sind es Studenten, die danach fiebern, nach Hof zu kommen. Das ist der Strukturwandel. Tatsächlich habe ich nicht das Gefühl, daß die Begeisterung für Film abgeflacht ist. Quantitativ wollen heute sogar wesentlich mehr Leute Filme machen als vor vierzig Jahren.

Wenn man nach der Bedeutung Hofs für den deutschen Film fragt, so kann man nicht von einer Ästhetik oder Schule sprechen. Traditionell herrscht ein unabhängiger Geist, und die Retrospektiven sind die Königsdisziplin der Independents. Die Filme sind unterhaltend und originell. Sie sind vergnüglich unangepaßt. Es gibt Jahrgänge, in denen es weniger gelingt, bei den Debütanten diesen Geist zu finden. Aber Heinz wird nie ein komplett kompromißlerisches Programm machen, darauf kann man sich verlassen. Und eben darin besteht der Geist, der zweifellos auch ein Einfluß ist. In mutigen und kontroversen Zeiten blüht er offenbar mehr als in schläfrigem Wohlstand.

Schon deswegen braucht niemandem bang zu sein wegen der Zukunft der wunderbaren, bravourösen Hofer Filmtage, die eine Institution sind durch sich selbst und nichts sonst.

Laurens Straub